Druckversion Druckversion    Array

Bullet11 Was ist eigentlich Anarchismus?

Vorwort
Einiges zur Verwirrung
Viel Feind, viel Ehr'!
Der Begriff der "Anarchie" und seine Herkunft
Wer ist Anarchist, wer ist Anarchistin?
Was wollen die AnarchistInnen?
Kritik am Staat
Was ist der Staat?
Kritik an der bürgerlichen Demokratie
Kritik am autoritären Sozialismus - Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Marxismus
Die freie Gesellschaft
Ökonomisches System
Die Organisation
Wie sieht nun diese Organisation aus?
Räte und Selbstverwaltung
Parteien
War diese Kritik berechtigt?
Probleme der Avantgarde
Und was ist nun die Funktion der Avantgarde in der Revolution?
Philosophische Grundlagen des Anarchismus
Notizen
Einführung in die Grundgedanken des Anarchismus
Vorwort
Danke an Bullet11 anarchismus.at für die Erlaubnis diesen Text hier zu verwenden. Das Vorwort auf Bullet11 anarchismus.at lautet folgendermassen:

Dieser Text wurde der Homepage Bullet11 Bullet11 www.rebellion.ch entnommen, der neuen Rechtschreibung angepasst und an wenigen Stellen leicht verändert. Im Original hat er folgendes "Vorwort": Für dieses Rebellion-Dossier (in deutscher Sprache) haben wir ein Nachdruck einer Broschüre des 'Bullet11 Revolutionsbräuhof' (RBH), Hahngasse 15, 1090 Wien, Österreich ausgewählt. Ganz im Sinne des RBH betrachten auch wir diesen Text als eine gute Diskussionsgrundlage, die die Grundfragen des Anarchismus aufwirft und Zugang zu weiteren wichtigen Quellen verschafft, was aber nicht heißt, dass wir in sämtlichen Punkten mit dem Text übereinstimmen. Ein guter Einstieg in die Theorie des modernen Anarchismus, ohne Berührungsängste zum kritischen Marxismus. Ein 'Must' für junge und/oder neue GenossInnen, die sich selber ein Grundwissen aufbauen wollen.

Einiges zur Verwirrung
"Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen!" Wie jeder Mensch weiß, ist einE AnarchistIn ein gewalttätiger Mensch, ein Mörder. Auch ist allgemein bekannt, dass AnarchistInnen Terroristen sind, denen das menschliche Leben nichts, das Chaos aber alles bedeutet. Oder???

Aber selbstverständlich. Das weiß doch jedes Kind. Am 19.12.1969 definierte der "Secolo d'Italia" AnarchistInnen folgendermaßen: "Eine wilde, obszöne Bestie, bis ins Mark von der kommunistischen Syphilis zersetzt!" Der berühmte Arzt und Kriminologe Sare Lombroso weiß es gar noch besser: Für ihn sind alle AnarchistInnen Idioten oder angeborene Verbrecher, die noch dazu allgemein humpeln, behindert sind und asymmetrische Gesichtszüge haben. Sind AnarchistInnen überhaupt Menschen?

Nichts spricht dafür, denn auch in dem Teil der Erde, der sich kommunistisch genannt hat, hat mensch über die sagenumwitterten AnarchistInnen nichts Gutes zu berichten gewusst. "Kleinbürgerliche ChaotInnen", "Voluntaristische Helfershelfer der Konterrevolution", "Linkschaoten" sind die üblichen Vokabeln, mit denen mensch uns dort belegt hat. Also auch hier nichts Gutes.

Viel Feind, viel Ehr'!
Wenn mensch AnarchistInnen in Ost und West nicht leiden kann, dann muss das einen Grund haben. Was also ist einE AnarchistIn wirklich? Versuchen wir es mit einer Kurzdefinition: EinE AnarchistIn glaubt an eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen ohne Herrschaft. Er/sie tritt für die Beseitigung jeder Herrschaft ein und bekämpft deshalb Staat, Kirche, Polizei, Kapital, Herrschaftsideologie. Er/sie tritt immer und überall für die Interessen der unterdrückten Masse ein, gleichzeitig arbeitet er/sie an theoretischen Modellen und den praktischen Beispielen für eine zukünftige Gesellschaft: Eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Autorität, ohne Ausbeutung und Entfremdung Bullet11 (1) aufgebaut auf neuen Prinzipien wie Solidarität statt Egoismus, gegenseitiger Hilfe statt Konkurrenz und freier Vereinbarung statt Befehlsprinzip Bullet11 (2).

"Das klingt ja alles sehr gut", wirst Du sagen, "aber das ist ein schöner Wunschtraum und nicht zu verwirklichen". Du wirst lachen: AnarchistInnen behaupten doch tatsächlich, dass eine solche Gesellschaft möglich ist, und erklären Dir auch, warum sie möglich sein kann. Und nun wirst Du staunen: Es hat tatsächlich schon ein halbes Dutzend anarchistischer Gemeinwesen gegeben. Wusstest du, dass die Ukraine fast vier Jahre lang anarchistisch war? Wusstest du, dass es vor allem AnarchistInnen waren, die im spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus gekämpft haben? Millionen von spanischen ArbeiterInnen haben praktisch gezeigt, dass der Anarchismus möglich ist!

Die AnarchistInnen sind SozialistInnen und sie sind gegen Herrschaft. Also wenden sie sich genauso scharf gegen Herrschaft im "Kommunismus" wie im "Kapitalismus". Folgerichtig ziehen sie sich den unversöhnlichen Hass der Herrschenden in Ost und West auf den Hals. Und ebenso folgerichtig ist auch der Anarchismus die einzige Alternative, einen freien und menschlichen Sozialismus zu verwirklichen. Genau deshalb ist auch der Anarchismus nach dem Krieg wieder auferstanden, obwohl Trotzki, der Marschall der Roten Armee, dem Anarchismus schon 1920 befohlen hatte: "Geht wohin ihr gehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte!"

Aber durch die immer perfekter werdende Unterdrückungsmaschine der Systeme, durch eine Gesellschaftsordnung, in der der einzelne Mensch nichts mehr bedeutet, in der die Technik dem Menschen nicht mehr dient, sondern ihn umzubringen droht, und in der das kapitalistische Wirtschaftssystem derart versagt, dass täglich 30.000 Menschen verhungern müssen (Quelle UNESCO 1984) kurz: in dem "repressiven Chaos" Bullet11 (3) aller heutigen Herrschaftssysteme, hat der Anarchismus eine ungeahnte Aktualität erhalten.

Der Begriff der "Anarchie" und seine Herkunft
"Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft!"

Das Wort Anarchie ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Es kommt von dem griechischen Wort "an-archia" und bedeutet "Keine Herrschaft", meint also die Abwesenheit jeglicher Autorität. Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil, dass der Mensch ohne Autorität und Regierung nicht leben kann; ganz so, als ob ein Zirkuspferd ohne seinen Dompteur zugrunde gehen müsse. Deshalb ist das Wort Anarchie in der Umgangssprache auch als Synonym für Chaos, Unordnung, Verwilderung und Zerstörung eingegangen. Hinzu kommt die offensichtliche Absicht, den Anarchismus als politische Bewegung zu verleumden und zu bekämpfen. Aus diesem Grunde haben Politiker und Literaten, Kommunisten und Adelige, Pfarrer und Hausdamen jahrhundertelang diesen Begriff von Anarchismus verbreitet. Für sie verbindet sich das Wort Anarchismus mit einem kalten Schauer und dem Gedanken an den Weltuntergang. Wie sie, so kann sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht vorstellen, dass auch ohne Staat und Herrschaft eine Ordnung - eben eine freie Ordnung - bestehen kann.

Selbst in allgemeinen Nachschlagewerken, wie auch z.B. im Duden, wird Anarchie einfach mit "Gesetzlosigkeit" übersetzt. Dies impliziert für den "Normalverbraucher" ebenfalls, dass bei Verwirklichung des Anarchismus die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt werde, und insofern verfälscht diese Definition unterschwellig den Begriff. Im eigentlichen Wortsinn ist der Begriff der "Gesetzlosigkeit" natürlich richtig: Da Gesetze vom Staat verabschiedet werden und dieser durch Polizei und Gericht dafür sorgt, dass sie eingehalten werden, werden bei Abschaffung der Staatssysteme, auch die Gesetze nicht mehr existieren. Das heißt aber nicht, dass es keine Regeln bzw. Vereinbarungen im menschlichen Zusammenleben mehr gibt.

Pierre Joseph Proudhon war einer der Väter des modernen Anarchismus. Er hat das Wort für die antiautoritäre ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen. Unter Anarchie verstand er absolut das Gegenteil von Chaos. Für ihn war die anarchische Gesellschaft der höchste Ausdruck der Ordnung, eine Ordnung, die nicht durch Herrschaft und autoritäre Strukturen gestört sei. Erst in einer anarchistischen Gesellschaft könne die natürliche Ordnung der menschlichen Beziehungen, die "soziale Harmonie", wieder hergestellt sein. Wir werden noch sehen, dass Proudhon dabei alles andere als ein verträumter Utopist war.

So hält Proudhon auch den Staat - als höchsten Ausdruck der Herrschaft von Menschen über Menschen - für den eigentlichen Unruhestifter; eine Ansicht, die nicht so abwegig erscheint, wenn man sich all das ansieht, was an Kriegen, Unterdrückung und Wirtschaftskrisen von den Staaten und ihren Organen geführt oder angestiftet wurde und noch wird.

Der Name Anarchismus hat - wegen seiner Doppeldeutigkeit - unter den AnarchistInnen starke Diskussionen hervorgerufen. Viele von ihnen nannten sich später "Föderalisten" (Anhänger eines nicht zentralen Gemeinwesens, das auf gleichberechtigten Kommunen basiert), "Mutualisten" (Gesellschaftsordnung auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Solidarität) oder "Kollektivisten" (Ordnung auf der Basis der Gemeinschaftlichkeit). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr das Wort "libertär" (freiheitlich, nicht zu verwechseln mit liberal!) durch.

Wer ist Anarchist, wer ist Anarchistin?
Wie wir gesehen haben, umreißt das Wort Anarchismus eine freiheitliche Theorie und Geisteshaltung. Im Laufe der Zeit haben sich eine Unzahl politischer und unpolitischer Strömungen unter diesem Namen gesammelt. So ist der Anarchismus, im Gegensatz zum Marxismus, kein einheitliches Gebilde. Der Marxismus ist eine in sich abgeschlossene philosophisch durchdachte Theorie; von wenigen Menschen in relativ kurzer Zeit entwickelt, ziemlich eindeutig formuliert und definiert. Anders der Anarchismus.

Seine revolutionäre politische Richtung ist das Produkt einer ganzen Reihe bedeutender TheoretikerInnen, die meistens auch aktive RevolutionärInnen waren. Seine Theorie entstand in vielen Fällen aus der Praxis der Freiheitskämpfe heraus, und wird und wurde laufend neu überdacht, kritisiert und verbessert. Eine solche Haltung nennt mensch undogmatisch (Dogma = unveränderlicher Glaubenssatz), und sie ist für den Anarchismus typisch.

So kann mensch auch für den Anarchismus keine FührerInnen oder CheftheoretikerInnen anführen; mensch muss eine ganze Reihe von Namen nennen und kann eigentlich nirgendwo eine Grenze ziehen: Die Namen der bekannten AnarchistInnen verlaufen irgendwo in der Masse der aktiven KämpferInnen.

(Insofern darf mensch es nicht missverstehen, wenn wir in einigen Kapiteln bestimmte Personen, ihre Biographie und ihre Ideen beschrieben haben. Leute wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon usw. bis hin zu Landauer sollen, zur Erleichterung der geschichtlichen Beschreibung, stellvertretend für eine bestimmte Bewegung erwähnt werden. Dass eine ständige geistige Rückkoppelung zwischen den einzelnen TheoretikerInnen und der Bewegung besteht, lässt sich unschwer nachweisen. Da der Anarchismus aus einer Unzahl von politischen Strömungen besteht, ist es klar, dass wir im Folgenden nur eine Auswahl beschreiben können dass diese [und auch der Umfang, der den einzelnen Kapiteln gewidmet wird] von eigenen Anschauungen und Vorstellungen geprägt ist, muss dabei selbstverständlich zugegeben werden.)

Parallel zu der politisch revolutionären Linie, die die wichtigste des Anarchismus ist und von der wir vorzugsweise sprechen wollen, gibt es noch eine Reihe anderer Strömungen, die den Namen Anarchismus für sich beanspruchen. Dazu zählen gewisse Formen des Individualanarchismus, einige naturverehrende Sekten von Rohkostler, pazifistische Gesellschaftsreformer oder unpolitische Terrorbanden, ebenso wie versonnene Künstlerseelen und verspätete Romantiker, meistens aus der Schicht des Kleinbürgertums. Ihr Denken und Handeln steht oft im Gegensatz zur politischen Richtung des Anarchismus und wird von dieser kritisiert. Andere dieser Zweige jedoch haben dem Anarchismus neue Impulse geben können und seine Theorie fruchtbar ergänzt, so die anarchistische Kunst, die freie Erziehungstheorie, die Hippie- und Undergroundbewegung, um nur einige zu nennen (4).

Es hat sich eingebürgert, dass Staat und Polizei unliebsame Gruppen einfach als AnarchistInnen bezeichnen. Ein Beispiel dafür ist die Rote Armee Fraktion (RAF), auch Baader-Meinhof-Gruppe genannt. Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als "anarchistische Gewaltverbrecher" bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen. Wenn wir auch die Aktionen der RAF nicht von vornherein verdammt haben, so ist doch ihre Praxis vom anarchistischen Standpunkt aus anzugreifen. Die RAF entfernte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der gesamten linken Bewegung und betrachtet sich als eine Avantgarde, als eine Elite, die danach strebt, dem Volk die "Befreiung" nach staatssozialistischem Muster aufzuzwingen. Sie entwickelte in ihren Pamphleten und Aktionen eine diktatorische, stalinistische Sprache. Wenn sie sagen: "Das Schwein wurde im Namen des Volkes erschossen", so fragen wir uns: In wessen Volkes Namen?

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch eine ganze Anzahl politischer Gruppen, die sich zwar nicht anarchistisch nennen, in Wirklichkeit aber anarchistisch handeln und libertäre Ziele haben. Oft lehnen sie den Namen Anarchismus ab, weil sie falsch über dessen Inhalt informiert sind, oder weil sie fürchten, zu sehr angefeindet zu werden.

Da es tatsächlich auch nicht um ein Glaubensbekenntnis, sondern um konsequentes politisches Handeln geht, haben die AnarchistInnen in ihrer Praxis und ihren Bündnissen nie nach dem Namen ihrer GenossInnen gefragt. So gibt es z.B. viele rätekommunistische Gruppen, die im Grunde "anarchistischer" handeln, als so manche Gruppe, die sich anarchistisch nennt. Auch wir wollen unsere Betrachtung einzig und allein danach richten, was die einzelnen Gruppen tun oder taten, und nicht, wofür sie sich ausgeben.

Was wollen die AnarchistInnen?
Daniel Guérin schreibt in seinem Buch "Anarchismus" Bullet11 (5): "Anarchismus ist in Wirklichkeit und vor allem gleichbedeutend mit Sozialismus. Der Anarchist ist in erster Linie Sozialist; seine Ziele sind die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im Zentrum seiner politischen Aktivität steht der sozialistische Freiheitsgedanke, die Abschaffung des Staates." Um dieses Ziel zu erreichen, führen die AnarchistInnen einen Kampf gegen den Staat und alle seine Organe. Dieser Kampf wird mit verschiedenen Mitteln geführt: durch Massenorganisationen (vgl. Anarchosyndikalismus), Aufklärung und Propaganda, direkte Aktionen, durch die Kreation einer Gegenkultur, Provokationen und oftmals auch durch unmittelbare Anwendung von Gewalt.

Dabei erweist sich der anarchistische Kampf aber keineswegs als blinde Bilderstürmerei gegen diese oder jene Regierung oder den Staat schlechthin. Vielmehr haben die anarchistischen TheoretikerInnen schon sehr früh erkannt, dass der Staat kein Phantom, kein anonymes Gebilde ist, sondern der Ausdruck ganz bestimmter, vor allem wirtschaftlich bedingter Machtverhältnisse.

Gerade deswegen haben auch die AnarchistInnen immer wieder versucht, einen Kampf gegen Kapital und Staat zu führen und sich geweigert, "politische" Ziele, wie die Durchsetzung von Reformen durch schrittweise Eroberung der Macht im Staat, zu verfolgen. Denn die AnarchistInnen haben sehr wohl erkannt, dass Macht korrumpiert: "Nehmt den radikalsten Revolutionär und setzt ihn auf den Thron aller Russen oder verleiht ihm eine diktatorische Macht und ehe ein Jahr vergeht, wird er schlimmer als der Zar geworden sein", schrieb Bakunin. Bullet11 (6)

Im Laufe der Zeit haben die AnarchistInnen eine Reihe von Forderungen und programmatischen Punkten aufgestellt, die sich u.a. aus dem Kampf für die Verwirklichung ihrer Ideen ergaben. Hier schlagwortartig einige der wichtigsten, die wir dann in den folgenden Kapiteln näher zu erklären versuchen werden: Gleiche Freiheit für jeden Menschen in der Gesellschaft. Kein Mensch soll Macht ausüben; alle Beschlüsse werden kollektiv gefasst und ausgeübt. Dies bedingt:
  • Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, Bekämpfung des Kapitals und seiner internationalen Monopole. Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln Bullet11 (7), Aufbau einer föderierten, hochtechnisierten Produktionsweise nach Gesichtspunkten, die die Bedürfnisse der ArbeiterInnen über die der profitorientierten Produktion stellen (vgl. Kapitel "Ökonomisches System"), Überwindung der Schichten und Klassen. Hierbei muss die unterdrückte Klasse dann Gewalt gegen die herrschende Klasse anwenden, wenn diese nicht freiwillig abtritt (da diese ihre Privilegien verteidigen will, und damit den Aufbau einer freien Gesellschaft aktiv bekämpft).

  • Abschaffung des Staates, seiner Grenzen und seines Apparates, Ersetzung durch neue Strukturen, auf der Basis gleichberechtigter Kommunen und Räte, die sich dezentral (föderal) organisieren.

  • Bekämpfung des Rassismus und Kolonialismus in all seinen klassischen und neuen Erscheinungsformen (z. B. Imperialismus, Neoimperialismus, Europäische Union etc.) Bullet11 (8).

  • Abschaffung der Kirchen und Religionen als Vermittler der Rechtmäßigkeit von Herrschaft durch berufsmäßige Verdummer. Bekämpfung und Ersetzung des religiösen Glaubens durch rationale Erziehung, d.h. durch das Prinzip der Vernunft, sowie einer menschenfreundlichen Wissenschaftlichkeit. Errichtung von freien Schulen (Konzepte von Tolstoi/Ferrer).

  • Abschaffung der Armee und der Polizei als Machtfaktor und Symbol des Staates und des Kapitals. Für die Phase des Kampfes sind sie durch revolutionäre Volksarmeen und -patrouillen ohne hierarchische Struktur zu ersetzen.

  • Abschaffung des Strafprinzips. Kriminelle werden als Produkte einer schlechten Gesellschaft angesehen. Sie sind als Kranke zu behandeln und müssen genesen, nicht bestraft werden.

  • Abschaffung des Privateigentums an Menschen, demzufolge Ersetzung der Ehe und der bürgerlichen Kleinfamilie durch freiwillige Zusammenschlüsse in Großfamilien, Kommunen, nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft. Propagierung der "freien" Liebe, Bekämpfung der unterdrückenden bestehenden Sexualmoral Bullet11 (9).

  • Aufbau einer völlig neuen Kultur mit einer eigenen Kunst, Musik, Lebensweise etc.

  • Prinzip der Kritik und Selbstkritik und der permanenten Revolution in der neuen Gesellschaft. Ablehnung aller Dogmen, ständige Überprüfung des Aufbaus an den Bedürfnissen der neuen Gesellschaft.

  • Bekämpfung jeder neuen Form von Herrschaft, Bürokratismus und Militarismus in der neuen Gesellschaft

Dieses Programm, unvollständig und recht ungeordnet, fasst die wesentlichsten Punkte anarchistischer Zielsetzung zusammen. Auf den ersten Blick mögen manche Thesen als Gleichmacherei erscheinen, in Wirklichkeit ist ihre Verwirklichung aber erst die Voraussetzung dafür, dass sich alle Menschen frei nach ihren Bedürfnissen entfalten können, schöpferisch werden und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. In den Kreisen der Reichen hat sich nämlich eingebürgert, ihre eigenen Vorteile, die sie sich mit ihrem Geld erkaufen, als die Freiheiten des Volkes hinzustellen. Tatsächlich aber können die Reichen nur in dem Masse frei sein, wie sie die Mehrheit des Volkes ausrauben. Zusammenfassend können wir sagen: Die AnarchistInnen haben nur ein Ziel: die freie Gesellschaft. Alles andere sind Mittel zu ihrer Erreichung, die sich je nach Situation ändern können und müssen.

Kritik am Staat
  • "Der Staat ist eine Abstraktion, die das Leben des Volkes verschlingt ein unermesslicher Friedhof, auf dem alle Lebenskräfte eines Landes sich großzügig und andächtig hinschlachten haben lassen." (Michail Bakunin)

  • "Die Regierung des Menschen über den Menschen ist Sklaverei."

  • "Wer immer die Hand auf mich legt, um über mich Zu herrschen, ist ein Usurpator, und ein Tyrann, und ich erkläre ihn zu meinem Feinde."

"Regiert sein, das heißt unter polizeilicher Überwachung stehen, inspiziert, spioniert, dirigiert, mit Gesetzen überschüttet, reglementiert, eingepfercht, belehrt, bepredigt, kontrolliert, eingeschätzt, abgeschätzt, zensiert, kommandiert zu werden durch Leute, die weder das Recht, noch das Wissen, noch die Kraft dazu haben. Regiert sein heißt, bei jeder Handlung, bei jedem Geschäft, bei jeder Bewegung notiert, registriert, erfasst, taxiert, bestempelt, vermessen, bewertet, versteuert, patentiert, lizensiert, autorisiert, befürwortet, ermahnt, behindert, reformiert, ausgerichtet, bestraft zu werden. Es heißt, unter dem Vorwand der öffentlichen Nützlichkeit und im Namen des Allgemeininteresses ausgenutzt, verwaltet, geprellt, ausgebeutet, monopolisiert, hintergangen, ausgepresst, getäuscht, bestohlen zu werden; schließlich, bei dem geringsten Widerstand, beim ersten Wort der Klage unterdrückt, bestraft, heruntergemacht, beleidigt, verfolgt, misshandelt, zu Boden geschlagen, entwaffnet, geknebelt, eingesperrt, füsiliert, beschossen, verurteilt, verdammt, deportiert, geopfert, verkauft, verraten und obendrein verhöhnt, gehänselt, beschimpft und entehrt zu werden. Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtigkeit, das ist ihre Moral." (Proudhon)

Die Kritik am Staat und an seinen Organen ist typisch für den Anarchismus. Ursprünglich entstand er aus einem persönlichen Gefühl der Auflehnung gegen den Unterdrücker. Da dieser Unterdrücker jedoch nur ausführendes Organ der Machtverhältnisse und der wirtschaftlichen Struktur ist, muss der Kampf gegen beide geführt werden. Die Abschaffung der staatlichen Organisation ist immer eines der wichtigsten Ziele der Anarchisten geblieben. Die Richtigkeit dieser Forderung hat sich am gerade am Beispiel der russischen Oktoberrevolution gezeigt, wo der Staat mit dem ihm eigenen Bürokratismus die Revolution überlebt und am Ende "aufgefressen" hat.

Was ist der Staat?
Jeder Staat ist totalitär. Kein Staat hat einen anderen Zweck als den/die EinzelneN zu beschränken und zu Untertanen zu machen. Verfechter des Staates bemühen sich redlich, uns vorzumachen, er sei eine einige Volksgemeinschaft. In Wirklichkeit vertuschen sie mit dieser Phrase die riesigen sozialen Unterschiede in jedem Staat und rechtfertigen die Privilegien einer kleinen Minderheit. Der Staat unterdrückt jede freie Tätigkeit durch seine ausführenden Organe oder "Ordnungskräfte". Das ist beileibe nicht nur die Polizei. Die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen bemühen sich ebenso angestrengt, den Menschen dumm zu halten, wie die Kirche, die Schule und die Institution "Familie". (Freilich oft, ohne es selbst zu wissen.)

"Der Staat erlaubt uns allen, unsere Gedanken an den Mann zu bringen, allein nur so lange, als unsere Gedanken seine Gedanken sind, sonst stopft er uns das Maul." (Max Stirner)

Schon früh haben AnarchistInnen die psychischen Funktionen der Autoritätsgläubigkeit erkannt. Der Staat erzieht zum Gehorsam, zur Disziplin und zur Unterwerfung. Er lehrt uns "Tugenden" wie Konkurrenz und Leistungsprinzip und er entwöhnt uns im gleichen Masse selbst zu denken, Ideen zu entwickeln, spontan Initiativen zu ergreifen und uns unseren Mitmenschen gegenüber solidarisch zu verhalten. Errico Malatesta Bullet11 (10) beschreibt die "Angst vor der Freiheit", die die meisten autoritären Menschen empfinden und nimmt damit eine wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse vorweg.

Konsequent haben die AnarchistInnen dort, wo sie mit der Verwirklichung von freien Gesellschaften begannen, die Vernichtung des Staates vorangetrieben. So wurden in Spanien und der Ukraine die staatlichen Akten und Grundbücher vernichtet, die Gefängnisse eingerissen und die Herrscher abgesetzt und die Organisation des gesellschaftlichen Lebens den Räten des Volkes übertragen. Wir werden noch sehen, dass solche Maßnahmen nicht automatisch zum Chaos führen müssen, sondern im Gegenteil die Grundlage für eine freie, harmonische Gesellschaft legen können.

Der Kampf gegen den Staat hat sich in diesem Jahrhundert vor allem im Kampf gegen den Bürokratismus gezeigt, vor allem im "kommunistischem" Russland hat es unzählige Auflehnungen gegen den allmächtigen Staat und seine unmenschliche und konterrevolutionäre Bürokratie gegeben, die ihrem Charakter nach anarchistisch waren. In den Kapiteln über die einzelnen Theorieansätze werden wir auf die Staatskritik noch ausführlicher eingehen.

Kritik an der bürgerlichen Demokratie
"Ich bin nicht frei, ich kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen." Ton Steine Scherben

Viel schärfer als der autoritäre Kommunist erkennt und entlarvt der/die AnarchistIn die strukturellen Mängel der bürgerlichen "Demokratie". Der Parlamentarismus hat mit Demokratie, also Volksherrschaft nichts zu tun. Es gibt auch hier einen Herrscher; der König oder Diktator ist durch einen "Präsidenten" oder "Kanzler" ersetzt. Der einzige Unterschied ist, dass dieser alle paar Jahre ausgewechselt wird. Können wir sie wählen? Stellen wir die KandidatInnen auf? Haben wir Einfluss auf sein/ihr Handeln, wenn er erst einmal gewählt ist? Haben wir die Möglichkeit, direkt für unsere Interessen einzutreten? Nein! Wir können zwischen den Parteien wählen, wie eine Hausfrau zwischen Ariel und Omo, wenn sie in Wirklichkeit frisches Brot einkaufen will. Das Verhältnis der Menschen zur Politik ist zu einem Warenverhältnis verkrüppelt worden.

Der Parlamentarismus macht aus der Herrschaft lediglich eine Institution Bullet11 (11), die dem Unterdrückungssystem einen "demokratischen" Anstrich gibt - in Wahrheit hat keinE einziger BürgerIn einen tatsächlichen Einfluss auf das politische Geschehen. Die einzige Gnade, die ihm/ihr das System gewährt, ist, alle vier oder fünf Jahre brav ein Kreuzchen unter eine Liste von (schon vorher ausgewählten) Menschen zu machen, die sich in ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Freiheit und zum Gesellschaftssystem nicht unterscheiden. Diese Leute werden uns einfach küchenfertig vorgesetzt, ob sie uns passen oder nicht. Beurteilen müssen wir sie meistens nach ihrem Aussehen, denn, ihren Worten und Wahlversprechen Glauben zu schenken, hieße, die bittere Erfahrung vieler Jahrzehnte einfach totzuschweigen. Wenn diese Leute erste einmal gewählt sind, können sie machen, was sie wollen: sie können ihre Stimme an den Meistbietenden verkaufen, lassen sich ihre Meinung von Konzernen bezahlen und scheren sich einen Dreck um den Willen ihrer WählerInnen.

Natürlich darf es diesen Herrn nie in den Sinn kommen, das Prinzip der Regierung zugunsten einer Selbstverwaltung in Frage zu stellen - das wäre gegen ihre eigenen Interessen. So setzen sie alles daran, diese Herrschaft zu rechtfertigen und aller anderen Modelle - so auch den Anarchismus - als radikal, utopisch oder terroristisch zu verleumden.

Die AnarchistInnen sind aus diesem Grund - im Gegensatz zu den Sozialdemokraten oder Kommunisten nie für die bürgerliche Republik eingetreten. Sie haben den Übergang vom Monarchismus Bullet11 (12) zur Republik nicht unbedingt für einen Fortschritt gehalten und sind für einen sofortigen und totalen Umsturz jeglicher Herrschaft eingetreten. Alle anarchistischen TheoretikerInnen haben einheitlich die reaktionäre Entwicklung der bürgerlichen Republiken vorausgesagt und alle SozialistInnen gewarnt, sich mit der bürgerlichen Demokratie einzulassen.

Ein eindrucksvolles Beispiel bürgerlicher Versumpfung bietet die Sozialdemokratie: Auch in Österreich befriedete und kanalisierte sie 1918/19 die revolutionäre Grundstimmung unter den ArbeiterInnen. Sie trat in die Regierung ein, predigte Legalismus Bullet11 (13) und ließ, nachdem sie zwei Wochen an der Macht war, auf demonstrierende ArbeiterInnen schießen und sie durch Alarmformationen der Polizei brutal ermorden. Heute sind die SPÖ oder auch die Grünen für das Kapital kein schlechterer Handlanger als ÖVP und FPÖ.

Kritik am autoritären Sozialismus - Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Marxismus
"Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist, und weil ich mir nichts menschenwürdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen lässt, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den Händen des Staates führen muss, während ich die radikale Abschaffung des Staates wünsche, die radikale Ausrottung des Autoritätsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die unter dem Vorwand die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt, unterdrückt, ausgebeutet und verdorben hat Ich wünsche die Organisierung des sozialen Eigentums von Unten nach Oben auf dem Weg über die freie Assoziation und nicht von Oben nach Unten mit Hilfe irgendeiner Autorität, wer immer sie sei." (Michail Bakunin)

Mensch hat den Marxismus und den Anarchismus oft als zwei feindliche Brüder bezeichnet. Doch auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede in der Theorie zu geben. Tatsächlich kann mensch sagen, sie haben gemeinsame Wurzeln, die gleichen philosophischen Grundlagen und im Grunde auch das gleiche Ziel: Eine freie, sozialistische Gesellschaft.

Trotzdem verwundert es nicht, dass es zwischen AnarchistInnen und Kommunisten zu Gegensätzen kommen musste. Die Vorstellungen, die die "Autoritären" sowohl von dem Weg zur Revolution als auch von den Stadien (aufeinanderfolgenden Formen) der neuen Gesellschaft hatten, waren sehr viel anders als die der AnarchistInnen. So plädierten die Marxisten, die das autoritäre Lager anführten, für die Gründung starker, zentraler Parteien, für den Eintritt in Gewerkschaften, für die Beteiligung an Wahlen und für einen politischen Kampf, der die Bedingungen der ArbeiterInnenklasse schrittweise verbessern sollte. Die AnarchistInnen hielten diesem Programm entgegen: Organisation auf der Basis geheimer, freier und dezentral organisierter Bünde, die sich lediglich zur Absprache ihrer Aktionen zusammenschließen sollten. Mensch erkannte, dass in einer autoritären Organisation bereits der Keim für eine neue autoritäre Gesellschaft enthalten war. Statt der Beteiligung an der Politik forderten sie eine radikale Bullet11 (14) und konsequente Aktion gegen das Grundübel und die endgültige und sofortige Beseitigung des ungerechten Gesellschaftssystems.

Wie wir gesehen haben, gibt es also beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Strömungen, und zwar vor allem in der Frage des Weges, auf dem das gemeinsame Ziel erreicht werden soll. Dies sind aber offensichtlich so wichtige Unterschiede, dass man den Konflikt zwischen AnarchistInnen und Marxisten nicht einfach als Haarspalterei abtun kann. Hierbei müssen wir allerdings vorsichtig sein und von Fall zu Fall genau untersuchen, ob das, was wir kritisieren, denn eigentlich Marxismus ist. Bekanntlich gibt es mehrere "Schulen" des Marxismus, die alle von sich behaupten, die einzig wahren, rechtmäßigen Nachfolger des großen Lehrers zu sein.

Von der reformistischen Sozialdemokratie haben wir bereits gesehen, dass bei ihr von Marx nicht mehr viel übriggeblieben ist. Aber auch im Leninismus, der heute als "echter" Marx-Nachfolger allgemein anerkannt ist, müssen wir feststellen, dass hier Marx ganz erheblich verfälscht wurde. Schnell erkannten die Antiautoritären, dass der Kommunismus eine Gefahr in sich birgt: er nimmt aufgrund seiner geistigen Überlegenheit die Führung der Revolution für sich in Anspruch und ist genau in diesem Moment bereits wieder eine neue Regierung. Bakunin warf Marx polemisch Bullet11 (15) vor, der "Chefingenieur der Weltrevolution" sein zu wollen. Eine solche Führung würde am Ende nur das Volk in seinen revolutionären Initiativen hemmen, ihm ein neues Joch auferlegen. Statt den Staat zu zerschlagen, planten die Marxisten, ihn erst zu übernehmen, ihn stark zu machen, und ihn für die Zwecke des Sozialismus "dienstbar zu machen", da ihm die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen worden seien, würde er später von ganz alleine absterben. Diese Ansicht mag vielleicht theoretisch richtig sein, praktisch ist sie aber durch viele Beispiele widerlegt worden ("Ostblock").

Diese Unterschiede führten zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der 1. Internationalen und schließlich zu deren Spaltung. Durch Lenin wurden dann deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge verstärkt, die zuweilen jedoch keineswegs immer in den Schriften von Marx und Engels auftauchten. Er erweiterte diese auch um einen Ultra-Zentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der BerufsrevolutionärInnen als Führer der Massen. "Von diesen Punkten ist in den Schriften von Marx und Engels nicht viel zu finden, wo sie höchstens im Kern und unterschwellig vorhanden sind." Bullet11 (16)

Aus diesem Avantgardebewusstsein Bullet11 (17) der Leninisten und Marxisten erklärt sich auch, dass in den Schriften von Marx und Engels der begriff der "Spontanität" niemals auftaucht. Sicherlich kann sich eine revolutionäre Partei neben ihren hervorragenden Aktivitäten ein gewisses Maß an Selbsttätigkeit der Massen erlauben, aber die Spontanität der Massen würde ihren Anspruch auf die Rolle gefährlich in Frage stellen. Es scheint, als seien die AnarchistInnen Propheten gewesen. Schon Bakunin schrieb 1860: "Vorzugeben, dass eine Gruppe von Individuen, seien es die Intelligentesten und die mit den besten Absichten, in der Lage ist, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und der Wirtschaftsorganisation des aller Länder zu werden, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die eine Diktatur ... würde genug sein, die zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen ... Man kann das Etikett wechseln, das unser trägt, seine Form - aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder müsse man diesen Staat zerstören, oder sich mit der fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: die rote Bürokratie."

Genau das ist in Russland eingetreten. Lenin, der den Marxismus im autoritären Sinne weiterentwickelt hat, gelang es innerhalb von drei Jahren, die russische Volksrevolution unter die Diktatur seiner straff organisierten, kleinen Partei zu bringen. Als das Volk begriff, was geschehen war, war es schon zu spät: jede Erhebung gegen die neue Diktatur wurde blutig unterdrückt. AnarchistInnen und Anarchogruppen haben oftmals ihre Kräfte mehr zur Bekämpfung des Marxismus verwandt, als zum Kampf gegen den gemeinsamen Klassenfeind. Oft hat es dieser anarchistischen Marxismuskritik erheblich an Substanz gemangelt. Man kann darüber denken, wie man will - zur Klärung der Standpunkte hat dies alles herzlich wenig beigetragen und zur Entwicklung des revolutionären Kampfes schon gar nichts.

Es ist auch nicht unsere Absicht, die spießigen Intrigen und die persönlichen Hahnenkämpfe eines Marx oder eines Bakunins auseinander zu pflücken. Für uns ist allein wichtig, was wir auf unserem Weg zur Freiheit voneinander lernen können. Wir haben schon gesehen, dass der Anarchismus am Marxismus folgende wichtige Punkte kritisiert:
  • Autoritäre Organisation, mit der Gefahr der Verselbstständigung (Partei usw.)

  • Falsche Taktik bei der Erreichung der freien Gesellschaft. Der Staat sollte nicht übernommen, sondern zerschlagen werden.

  • Gefahr einer mechanistischen Geschichtsauffassung nach dem (im Grunde richtigen) historischen Materialismus. Demzufolge Vernachlässigung der Rolle des revolutionären Subjekts.

  • Überbetonung der ökonomischen Revolution infolge dieser mechanistischen Auffassung. Nicht nur die Wirtschaftsordnung muss aktiv verändert werden, sondern auch der Überbau, wie Verwaltung, Polizei, Militär, Kirche, Justiz, Erziehung usw.

Darüber hinaus wirft der Marxismus, vor allem der Marxismus-Leninismus, dem Anarchismus im wesentlichen vor, kleinbürgerlich zu sein, nicht die richtige Organisation zu haben, und im Endeffekt nur Chaos zu produzieren. Was die beiden letzteren Vorwürfe angeht, so haben wir sie schon weiter oben abgeklärt und widerlegt.

Das Argument des Kleinbürgertums Bullet11 (19) ist nicht sehr gehaltvoll. Vor allem muss man erst einmal definieren, was darunter zu verstehen ist. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens könnte gemeint sein, dass die anarchistische Ideologie dem Kleinbürgertum nutzt. Diese These wäre, nach allem, was wir gesagt haben, so idiotisch, dass wir nicht darauf einzugehen brauchen. Also sind die Anhänger des Anarchismus Kleinbürger? Proudhon, dem dieser Vorwurf gerade am häufigsten gemacht wird, war simpler Schriftsetzer. Das Gros der an AnarchistInnen (sowohl TheoretikerInnen als auch PraktikerInnen) hat sich zeitlebens ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdient. Freilich waren Kropotkin und Bakunin adeliger Herkunft, aber beide waren genau das, was Bakunin selber als diejenigen beschreibt, die "der Klasse, der sie entstammen, völlig den Rücken gekehrt und sich völlig der Interessen des Volkes angenommen haben."

Der autoritäre Sozialismus ist heute nicht mehr so aktuell und gefährlich wie der Kapitalismus. Gerade aus diesem Grund lohnt es sich, erneut anarchistische KlassikerInnen zu lesen. Rudi Dutschke schreibt 1967: "In einer Zeit der sich verstärkenden und sich verselbstständigenden Staatsbürokratie scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt stehende Frage der Abschaffung des Staates, der unmittelbaren Beseitigung desselben, der erneuten Aufarbeitung durchaus wert."

Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also fast 100 Jahre vor Stalin, hat Proudhon treffend die Politik der Kommunisten zusammengefasst: "So hat der Kommunismus, wie ein Heer, das dem Feinde seine Kanonen weggenommen hat, nichts anderes getan als gegen das Heer der Besitzenden dessen eigene Artillerie gekehrt. Von jeher hat der Sklave den Herrn nachgeäfft."

Das Verhängnisvolle daran war: die Nachäfferei hat sich im Endeffekt nicht so sehr gegen die Besitzenden gewandt (denn die sind wieder auferstanden), sondern gegen die Besitzlosen. Die Revolution, die für sie sein sollte, hat ihr tägliches Leben nicht verändert. Sie leben weiterhin in Unfreiheit und arbeiten für die Interessen anderer.

Die freie Gesellschaft
"Wer die Freiheit anders besitzt als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot- und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja gerade die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampfe stehenbleibt, und sagt: jetzt hab' ich sie! - so zeigt er eben dadurch, dass er sie verloren hat." (Proudhon)

Die Grundprinzipien der freien Gesellschaft, die die AnarchistInnen anstreben, haben wir schon grob umrissen. Wir werden weiter unten auch noch sehen, wie die AnarchistInnen die einzelnen Probleme verwirklichen wollen. Auch können wir beurteilen, wie sich diese Vorstellungen in der Praxis bewährten oder versagten. Eine freie Gesellschaft kann nur aus freien Menschen entstehen. Die Menschen heute aber sind nicht frei. Sie sind nicht frei erzogen, können nicht frei denken, sind, mit einem Wort, fast gänzlich von den Wertvorstellungen dieser Gesellschaft durchtränkt. Das äußert sich entweder in ihrem Bewusstsein oder in ihrem Unterbewusstsein. Hiervon können wir AnarchistInnen uns selbstverständlich nicht ausnehmen.

Welche Schlüsse müssen wir nun daraus ziehen? Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, geradezu ein Verbrechen, einen genauen "Fahrplan" für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.

Dennoch wird es den AnarchistInnen fast überall als Schwäche ausgelegt, dass sie keine Patentrezept bereithalten. In seiner Schrift "Worte an die Jugend" beschreibt Bakunin diesen Konflikt folgendermaßen: "Wir kennen auch solche, die aufrichtige Pläne zu einem besseren Leben aussinnen. Sie wissen gut, dass man für keine Änderung, die der Regierung nicht gefällt, ihre Zustimmung erlangen kann. Sie wissen, dass die Vorteile der Regierung denen des Volkes absolut entgegengesetzt sind. Sie begreifen, sie wissen, dass man mit Gewalt alles nehmen müsse ... Dennoch ersinnen sie solche Pläne, der Teufel weiß für wen und wozu. Da sie ihr Material aus den bestehenden widerwärtigen Verhältnissen schöpfen, so ist das Resultat stets dasselbe ekelhaftes Zeug." Wenn also etwas vollständig Neues entstehen soll, so kann es nur dann Wirklichkeit werden, wenn wir das Alte vollständig überwunden haben. Bakunin nennt diesen Zustand "Amorphismus" (Formlosigkeit).

Das heißt z.B. dass wir die hergebrachten Formen des Denkens überwinden müssen, dass wir alte Lebensweisen durch neue ersetzen, dass wir Staat, Kapital, Kirche, Bürokratie, Armee und Polizei vollständig abschaffen müssen, bevor wir uns an die Erschaffung neuer Lebensformen heranmachen, und das bedeutet auf gar keinen Fall, wie unsere Widersacher behaupten, dass Fabriken, Häuser, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, und alle "Nicht-AnarchistInnen" umgebracht werden müssen!

Wie aber können wir so tiefgreifende Veränderungen bewirken? Eine Revolution wird natürlich nicht von alleine kommen. Zu ihrer Durchsetzung gehört eine mächtige Bewegung der unterdrückten Schichten gegen ihre Unterdrücker. Diese Bewegung muss durch Aufklärung, Agitation Bullet11 (20) und erfolgreiches revolutionäres Handeln verbreitet werden. Da die Herrschenden noch nie freiwillig auf ihre Vorrechte verzichtet haben, wird es zu Kämpfen kommen - ob blutig oder nicht, sei dahingestellt.

Durch viele Beispiele, sowohl aus persönlichen Erfahrungen wie aber auch durch geschichtliche Beispiele von Befreiungskämpfen ganzer Völker wissen wir, dass im revolutionären Kampf, unter ganz bestimmten Bedingungen, in denen Solidarität, Organisation und gegenseitige Hilfe notwendig sind, der neue Mensch und die Urformen der neuen Gesellschaft geboren werden. Um nur ein Beispiel zu nennen, sind die "Räte" nicht von gelehrten TheoretikerInnen erfunden, oder in Büchern entdeckt worden, sondern haben sich stets aufs Neue in den Klassenkämpfen entwickelt. Dieser Kampf ist der Moment, in dem der einzelne Mensch zum ersten mal das Gefühl der gemeinsamen Stärke spürt, und dass anerzogene Verhaltenswerten wie Konkurrenzdenken, Profitsucht, Geltungsbedürfnis, Besitzstreben, Egoismus, usw. Teil seiner Unterdrückung waren und vor der konkreten Möglichkeit einer freien Gesellschaft unsinnig werden. Wir können zwar theoretisch erklären, aber wohl kaum nachempfinden, welche kollektive Solidarität z.B. 1871 in Paris, 1917 in Petersburg, 1921 in Kronstadt, 1936 in Barcelona, 1956 in Algerien oder 1960 in Kuba herrschten Bullet11 (21).

Die Frage, die sich hier stellt, ist: "Ist denn der Mensch von seiner Natur her überhaupt fähig, als freier Mensch in einer freien Gesellschaft zu leben? Hat nicht vielmehr sie Tatsache, dass es trotz vieler Ansätze heute noch immer keine 'anarchistische' Gesellschaft gibt, das Gegenteil bewiesen?"

Beginnen wir mit der letzten Frage. Sie ist, wenn man sich die Hintergründe des Untergangs anarchistischer Gesellschaften vor Augen hält, einigermaßen zynisch. Die freiheitlichsten Experimente sind allesamt unter dem Kugelhagel und der blutigsten Unterdrückung ihrer Feinde vernichtet worden - entweder von den kapitalistischen oder von den "kommunistischen" Truppen. Dies alles hat mit der menschlichen Natur und ihrer Fähigkeit, frei zu sein, herzlich wenig zu tun. Vor allem beweist es in gar keiner Beziehung, dass der Mensch in Gesellschaften wie im nicht frei sein könne! Ganz im Gegenteil werden wir sehen, dass revolutionären Spanien oder in der freien Ukraine trotz ihrer denkbar ungünstigen Bedingungen bereits wichtige erfolgreiche Schritte in Richtung einer freien Gesellschaft getan wurden.

Was die erste Frage angeht, so wissen wir, dass uns einige WissenschaftlerInnen und VerhaltensforscherInnen vorrechnen, dass Besitz, Unterdrückung, Aggression, ja sogar kapitalistische Produktionsweisen "angeborene Triebe" seien. Nikolai Bucharin Bullet11 (22) schreibt in seinem Buch "Theorie des historischen Materialismus": "Für die bürgerlichen Gelehrten ist das Huhn, das ein Korn pickt, Imperialist, denn es 'annektiert' das Korn (...) so müssen die bürgerlichen Wissenschaftler in ihrer Not immer wieder auf das imperialistische Huhn oder den kapitalistischen Affen zurückgreifen. Dieses Beispiel illustriert zur Genüge das jämmerliche Niveau, auf dem sich unsere 'Wissenschaft' bewegt."

In der Tat: fragen wir uns doch einmal, wem denn diese Art von Wissenschaft, die sich "objektiv" nennt, dient? Es hat nie eine andere offizielle Wissenschaft gegeben, als gerade die, die dem System, das sie bezahlt, auch nützt. Haben nicht im Mittelalter, in einer vom kirchlichen Aberglauben geprägten Welt, die "objektiven" Wissenschaftler feierlichst behauptet, die Erde sei eine Scheibe, um die sich die Sonne drehe, und je der, der etwas anderes behaupte, sei mit dem Teufel im Bunde? Mussten nicht in der Sowjetunion Biologen, die eine andere Vererbungslehre, als die dem System genehme, vertraten, nach Sibirien in die Verbannung geschickt? Bezieht nicht die Psychologie all ihr empirisches Grundlagenmaterial aus der Masse der Menschen, die in diesem System bereits erzogen, "erkrankt", mit einem Wort: verdorben worden sind? An diesen Menschen haben Gelehrte "Gesetzmäßigkeiten" beobachtet, sie beschrieben und sie mir nichts dir nichts zum unumstößlichen Naturgesetz erhoben, das Kranke und Deformierte also zum Natürlichen erklärt. Weiter ist bekannt, dass sich die wissenschaftlichen Schulen untereinander sehr über ihre Ergebnisse streiten - so z. B. über die Herkunft der Aggression Bullet11 (23).

Seltsamerweise wird auch immer diejenige Schule, die den Machtverhältnissen am meisten widerspricht, (so z.B. die psychologische Schule Wilhelm Reichs oder die Sexpol-Bewegung in den 20er Jahren) heftig beschimpft, verfolgt und zum Teil sogar kriminalisiert. Verwundert es da noch, dass linke WissenschaftlerInnen, wie Peter Kropotkin z.B., der lange Jahre als Naturwissenschafter und Geograph bekannter als als anarchistischer Theoretiker war, zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als die offizielle Wissenschaft? Kropotkin, der mit die ersten Forschungsstudien über das Verhalten sibirischer Tiere durchführte, stellt in seinem Werk "Gegenseitige Hilfe" beispielsweise fest, dass das Prinzip der gegenseitigen Hilfe im Tierreich mindestens ebenso stark verbreitet ist, wie das Konkurrenzprinzip, wenn es dieses nicht gar überdeckt. Ganz und gar klar wird die wissenschaftliche Parteilichkeit, wenn wir uns betrachten, wo allgemein anerkannte Wissenschafter, wie, um nur einen herauszugreifen, Konrad Lorenz, der zum Liebling aller Autoritären geworden ist, politisch stehen - nämlich rechts.

Diejenige Sache aber, die die gelehrten Herren Anhänger des Kapitalismus schier zur Verzweiflung bringt, sind jene bösen Naturvölker, die doch tatsächlich anders leben, als es die Wissenschaft für möglich erklärt. Uns sind nämlich sehr wohl Völker mit zum Teil recht hoher Kultur bekannt, die weder die Ehe noch das Geld, weder Besitzdenken noch Aggression, weder Kriege noch Herrschaft kennen. Jeder, der sich mit Ethnologie Bullet11 (24) beschäftigt hat, wird das bestätigen können. Das soll jedoch nicht heißen, dass die AnarchistInnen die Rückkehr in den Urwald fordern. Ganz im Gegenteil, wir werden noch sehen, dass die anarchistischen Theorien, ganz bewusst die technischen Möglichkeiten unserer Gesellschaft in ihr Modell einbeziehen. Hier wollten wir jedoch nur eines zeigen: Hüten wir uns davor, der Wissenschaft blind zu vertrauen! Hüten wir uns davor, das Vorgefundene für das Natürliche und einzig Mögliche zu halten!

Gewöhnen wir uns vielmehr daran, unsere Phantasie zu schulen und uns das, was man uns von klein auf als Unmöglich dargestellt hat, vorzustellen und zu verwirklichen. Dann werden wir merken: Auch der Anarchismus ist nicht utopisch. Genau das war mit jener Wandparole gemeint, die im Mai 1968 überall auftauchte: "Sei realistisch - fordere das Unmögliche!" Sehen wir uns also in den folgenden Kapiteln an, wie sich AnarchistInnen das "Unmögliche" vorstellen.

Ökonomisches System
Es versteht sich von selbst, dass das ökonomische (wirtschaftliche) System einer neuen Gesellschaft anders aussehen muss, als das kapitalistische, welches wir jetzt haben. In dieser Hinsicht ist die Analyse und die Kritik des kapitalistischen Produktionssystems der Anarchisten fast gleichwertig mit dem der Kommunisten. Tatsächlich hat Marx' gute und tief gehende Analyse der Wirtschaft die anarchistische Theorie entscheidend beeinflusst, und auch heute noch gelten die wichtigsten der Marx'schen Prinzipien.

So wissen wir, dass das Kapital sich in den Händen weniger Kapitalisten mehr und mehr akkumuliert (anhäuft) und so zur Bildung von Monopolen führt, die zentral die ganze Wirtschaft kontrollieren. Die Folge davon ist eine relative Verelendung Bullet11 (25) der ArbeiterInnen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem beruht auf dem Prinzip der Ausbeutung und des Mehrwerts Bullet11 (26) und bringt nach dem Schema "Lohn-Preis-Profit" immer mehr Ungerechtigkeit und soziales Elend mit sich. Des weiteren kann der Kapitalismus aus logischen Gründen (die wir hier nicht alle entwickeln können) das regelmäßige Auftreten von großen Wirtschaftskrisen nicht verhindern. Diesen Krisen fallen gewöhnlich Tausende von ArbeiterInnen, nie aber die Reichen zum Opfer. Auch in Österreich hat es bekanntlich eine Reihe solcher Krisen gegeben und es wird sie auch wieder geben.

Weiters wird der/die ArbeiterIn aus Gründen der Kostenersparnis gezwungen, langweilige, ermüdende oder gefährliche Arbeit zu leisten, zu der er/sie keine Beziehung hat und die er/sie für andere macht. Das nennen wir Entfremdung. Zwar geht es dem/der ArbeiterIn heute nicht mehr so schlecht wie früher, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der gesamte Wohlstand der westlichen Welt auf der hemmungslosen Ausbeutung der Völker Asiens, Afrikas und Südamerikas beruht. Um es krass zu sagen: Wir können unsere Dose Ananas nur deshalb so billig kaufen, weil irgendwo in Sri Lanka Menschen verhungern. In den bisher geschilderten Punkten sind sich MarxistInnen und AnarchistInnen einig. Wie aber steht es mit den Gegenvorschlägen?

Schon Marx und Bakunin haben sich hierüber gestritten. Marx strebte eine zentrale Organisation der Produktion an. Ein Stab von Ingenieuren sollte für den ganzen Staat, der das Bank- und Produktionsmonopol Bullet11 (27) hat, bestimmen, was produziert wird und was nicht. Marx sprach vom geordneten und disziplinierten "Arbeiterarmeen".

Die AnarchistInnen traten dagegen für ein völlig anderes Wirtschaftssystem ein. Es sollte vor allem zwei Bedingungen erfüllen - menschlich sein und effektiv produzieren. Vor allem das erstere sahen sie im marxistischen Konzept gefährdet. Sie fürchteten sogar, dass aus dem allmächtigen Wirtschaftsstaat eine neue, schlimmere Regierungsform hervorbrechen würde. Wenn mensch sich das Staat- und Wirtschaftssystem der UdSSR angesehen hat, muss mensch zugeben, dass diese Befürchtung nicht ganz abwegig war. Bullet11 (28)

Genau wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, so sollte auch die Wirtschaft und die Industrie von "unten nach oben" organisiert werden, d. h. auf der Grundlage von freien und gleichberechtigten Produktionsgemeinschaften, die sich nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der ArbeiterInnen und VerbraucherInnen zu wirtschaftlichen Föderationen (Bünden) zusammenschließen sollten. Dasselbe sollte für die landwirtschaftlichen Genossenschaften gelten.

Die Wirtschaft sollte also nicht durch Grenzen und zentrale Planung gehemmt, sondern sich von der Basis her, d. h. an den tatsächlichen Bedürfnissen der ProduzentInnen (ArbeiterInnen) und KonsumentInnen (VerbraucherInnen) orientieren. Nun wird es jedem/jeder einleuchten, dass mensch die wirtschaftliche Ordnung nicht dem Zufall überlassen kann. Das ist mit diesem Konzept auch keineswegs gemeint. Vielmehr sollten sich Industrie und Produktionszweige zu Räten zusammenschließen, die aus ihrer praktischen Erfahrung Probleme, wie z.B. Transport, Rohstoffgewinnung, Lagerung und Verteilung der Güter, beraten, beschließen und durchführen. Es leuchtet ebenfalls ein, dass bei einer solchen Organisation, in der HandarbeiterInnen und KopfarbeiterInnen aus ihrer täglichen und fachlichen Erfahrung heraus viel reibungslosere und richtigere Entscheidungen treffen, als irgendwelche studierten TheoretikerInnen an irgendwelchen grünen Tischen, in irgendwelchen staatlichen Zentralen.

Ein solches Prinzip nennen wir Räteprinzip oder Selbstverwaltung. Leider würde es zu weit führen, an dieser Stelle das ökonomische Konzept des Anarchismus in seinen Einzelheiten darzulegen. Mit der kapitalistischen Produktionsweise müsste auch sein charakteristischstes Merkmal fortfallen - das Geld. Viele Menschen meinen, das Geld sei eine sehr praktische Einrichtung, die nur dazu diene, dass man nicht immer mit Kühen oder Ziegen zum Tauschen umher laufen müsse. Das ist leider ein Irrtum, denn Geld ist bedeutend mehr als nur eine Warenersatz. Geld kann sich (ohne, dass seinE BesitzerIn auch nur einen Finger krumm macht) vermehren. Mann kann es unbegrenzt aufheben und horten, es ist ein abstrakter Wert, der sich akkumulieren (anhäufen) kann, der gezielt zur Provozierung oder Vermeidung von Krisen, Kriegen, politischen Machenschaften eingesetzt werden kann - also weit mehr, als alle Ziegen und Kühe der Welt vermögen. Mit einem Wort: Geld kann sich verselbstständigen. Geld ist das Symbol gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und der Arroganz der herrschenden Klasse. Was aber geschieht, wenn das Geld abgeschafft ist? Müssen wir dann nicht doch wieder mit Kuh und Ziege tauschen gehen? Die Lösung ist ganz einfach.

Wir gehen davon aus, dass die Produktionsweise in der neuen Gesellschaft eine Bedürfnisproduktion ist. Das bedeutet, dass unter größtmöglicher Ausnutzung aller technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und unter der größtmöglichen Verminderung entfremdeter menschlicher Arbeit, genau das produziert wird, was alle Menschen der Erde zum Leben, zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist beim heutigen Stand der Technik ohne weiters möglich. In unserem heutigen System ist dies jedoch ganz anders. Der größte Teil der Menschheit bekommt nicht einmal genug zu essen, während der kleinere Teil im Überfluss lebt. Für ihn wird Luxus produziert (viele unserer Bedürfnisse werden nämlich erst künstlich geweckt, damit die Industrie das neue Bedürfnis dann wieder "befriedigen" kann. Nur drei Beispiele: elektrische Zahnbürsten, computergesteuerte goldene Tischfeuerzeuge, Luxusautos). In die Waren selbst werden Verschleißteile eingebaut, damit sie nach einer bestimmten Zeit kaputtgehen. So müssen sie häufiger gekauft werden und die Industrie kann viel mehr produzieren, was wiederum den Profit der Kapitalisten ins Unermessliche klettern lässt.

Die Mode zwingt uns, auf noch absonderlichere Weise, neue Kleider zu kaufen, die wir noch gar nicht brauchen. Um diesen idiotischen Zustand aufrechtzuerhalten, gibt mensch unter anderem ungeheure Summen für eine Armee aus, die noch dazu den ungeahnten Vorteil hat, sich und viele andere Werte von Zeit zu Zeit zu vernichten. Den Rest des Geldes gibt mensch dann noch für solche Dinge wie den Flug zum Mond aus, für den höchstens ein rein wissenschaftliches Bedürfnis besteht Bullet11 (29). Angesichts des riesigen Elends in der Welt sollte uns diese irrsinnige Verschwendung an Produktionskräften zu denken geben. Sie kann nur den Zweck haben, das widersprüchliche und wackelige System der kapitalistischen Produktionsweise am Leben zu erhalten.

All das aber fiele bei einer Bedürfnisproduktion weg. Es gibt Berechnungen amerikanischer Universitäten, die besagen, dass bei einer konsequent durchgeführten Bedürfnisproduktion, also, wenn Mode, Militär, Verschleißteile, Werbung usw. wegfielen, die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt würden, und das bei einer täglichen Arbeitszeit von vier bis fünf Stunden. Dies klingt unglaublich, wird uns aber verständlich, wenn wir uns klarmachen, dass allein für die "Verteidigung" direkt oder indirekt weit über die Hälfte allen Geldes der Erde ausgegeben wird.

Wir können also davon ausgehen, dass in der Bedürfnisproduktion so viel produziert wird, dass genug für alle da sein wird. Nun zurück zu unserer Frage: weshalb sollte mensch da noch tauschen? Hier ein Beispiel: einE BäckerIn produziert Brötchen und einE ElektrotechnikerIn Radios. Der/die TechnikerIn wird sich morgen beim Bäcker sein/ihr Brötchen holen, soviel er braucht, ohne diesem dafür Geld oder gar ein Radio geben zu müssen. Dafür wird sich aber der/die BäckerIn, wenn sein/ihr altes Radio nicht mehr zu reparieren ist, ein neues Radio nehmen, und zwar wieder ohne dafür mit Geld oder gar mit einem Lastwagen voll Brötchen zu bezahlen.

Dieses Beispiel ist bewusst stark vereinfacht, tatsächlich wird die Güterverteilung, sofern es nicht Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs sind, zur Aufgabe der Produktionsräte gehören. So wird eine möglichst gerechte Verteilung der Waren gewährleistet, denn die Bedürfnisproduktion wird sich nicht von heute auf morgen und ohne Schwierigkeiten verwirklichen lassen. Auf jeden Fall aber wird der gesellschaftliche Wohlstand allen und allen in gleichem Maß zugute kommen. Zugegeben, uns dies vorzustellen, ist schwer. Vor allem deshalb, weil es uns "natürlich" erscheint, für etwas, was wir bekommen, auch etwas zu geben. Dies wird sich jedoch, bei genauer Betrachtung, auch im neuen System nicht ändern. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir nicht im selben Augenblick "bezahlen", sondern indirekt durch die Arbeit, die jedeR leistet. Was geschieht aber mit Leuten, die nicht arbeiten wollen? Hierzu ist wieder ein kleiner Exkurs nötig.

Arbeit im kapitalistischen System bedeutet für fast alle Menschen Gefahr, Stumpfsinn, Plackerei. Weiter oben haben wir das bereits als Entfremdung bezeichnet. Ebenfalls haben wir darauf hingewiesen, dass die Bedürfnisproduktion hauptsächlich menschlich sein soll. Das bedeutet, dass alle Arbeitsvorgänge weniger nach ihrer Erzeugungskraft als nach ihrer Menschenfreundlichkeit beurteilt werden. Freundlichere Arbeitsplätze, kürzere Arbeitszeit, eigene Einteilung der Zeit und der Aufgabe, Bewältigung der stumpfsinnigen Aufgaben durch Maschinen, all das sind nur einige Beispiele, die die Arbeit in einem völlig anderem Licht erscheinen lassen. Der/die ArbeiterIn weiß was er/sie macht, weshalb er etwas macht, und für wen er etwas macht. Dabei hat er/sie das gute Gefühl, nicht eine Schicht von Schmarotzern (= Kapitalisten) miternähren zu müssen. Arbeit wird mehr und mehr zum Spiel, zu schöpferischer Leistung. Bullet11 (30)

So werden sich die meisten Menschen an der allgemeinen Arbeit beteiligen. Jemanden aber zur Arbeit zu zwingen, würde gegen die freiheitlichen Prinzipien des Anarchismus verstoßen! Auf der anderen Seite kann aber auch keine freie Kommune gegen ihren Willen gezwungen werden, Menschen, die nicht arbeiten wollen, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen und mit zu versorgen. So wird dies letztlich immer im Ermessen der Kommunen bleiben und folglich von ihrem Wohlstand abhängen. So bliebe noch die Frage: was ist, wenn sich manche Menschen mehr nehmen, als ihnen zusteht?

Wir müssen uns hier unbedingt freimachen von der Vorstellung, dass die freie Gesellschaft ein liberaler Hampelmann sei, der aufgrund seines menschenfreundlichen Bewusstseins sich alles gefallen ließe. Selbstverständlich werden die neuen Gemeinschaftsformen ihre Interessen gegenüber Menschen, die andere Auffassungen vertreten, zu verteidigen wissen. JedeR wird in der Lage sein, den/die andereN zu kontrollieren und darauf zu achten, dass er nicht mehr bekommt, als er/sie braucht. Grundlegendes Prinzip bei allen diesen Überlegungen ist es aber, dass, ganz im Gegensatz zum heutigen System, niemand gezwungen wird, sich dieser oder jener Kommune anzuschließen. Jedem und jeder steht frei, sich mit anderen in neuer Form zu organisieren. Mit der Zeit aber müssen auch die Dümmsten merken, dass das Horten von Waren in einer geldlosen Gesellschaft Irrsinn ist. Verkaufen kann man nichts mehr, da man sowieso alles "umsonst" bekommt und mensch kann nicht mehr Essen, als der Magen verträgt, ebensowenig wie in zwei Häusern zugleich wohnen, zwei Autos zugleich fahren, oder in zwei Fernseher zugleich sehen. Auch der Warenbesitz als Symbol einer Klassenzugehörigkeit als Beweis für Wohlstand und Luxus hat mit der Abschaffung der Klassengesellschaft seinen Sinn verloren.

In den beiden "erfolgreichsten" anarchistischen Gesellschaften, die je existierten, in der Ukraine und in Spanien, ist es tatsächlich gelungen, diese Vorstellungen schon in den wichtigsten Ansätzen zu verwirklichen. Zwar standen beide Bewegungen unter dem ungünstigen Stern eines harten Krieges, der viele Anstrengungen einfach wieder über den Haufen warf; man konnte in einer solchen Situation natürlich nicht von einer Bedürfnisproduktion reden. Dennoch ist es gelungen, die Arbeitswelt erheblich zu humanisieren. Alle Betriebe wurden von den ArbeiterInnen selbst übernommen und verwaltet ("kollektiviert"). Die Verwaltung wurde erheblich reduziert und ebenso wie alle Dienstleistungen, Transportfragen und die Kriegsführung nicht mehr vom Kapital und der Regierung, sondern einzig von den demokratischen Räten der ArbeiterInnen, Bauern/Bäuerinnen und MilizionärInnen (SoldatInnen) besorgt. Und, was niemand (freilich außer den AnarchistInnen) für möglich gehalten hatte, geschah: die Produktion stieg, statt zu fallen, die Löhne konnten, durch die enormen Einsparungen am bürokratischen Wasserkopf, gehoben werden, ja in einigen Fällen konnte sogar die Arbeitszeit gesenkt werden (trotz Kriegsführung!). Weder in der Ukraine 1918 bis 1922, noch in Spanien 1936 bis 1939 hat es Hungertote gegeben, wie es sie im zentralistischen Wirtschaftssystem Sowjetrusslands schon zu Millionen zu beklagen waren. Beide Modelle haben es vermocht, während es Krieg gab, ihre Industrie zu vergrößern und auch auf kulturellem Gebiet das Fundament für eine neue Gesellschaftsordnung zu legen. War die Ukraine mehr ein Agrarland mit wenig Industrie, so haben wir in Spanien mit seinen Industriezentren, so vor allem in Barcelona und Valencia, ein typisches Beispiel dafür, dass das anarchistische Prinzip der Selbstverwaltung und der Bedürfnisproduktion auch in modernen Industrien möglich ist.

Auch in jüngster Zeit hat es wieder zahlreiche Beispiele von (freilich kürzeren) Perioden der ArbeiterInnenselbstverwaltung gegeben. Fassen wir die Thesen der ökonomischen Organisation der AnarchistInnen kurz zusammen: ArbeiterInnenselbstverwaltung, Bedürfnisproduktion, Abschaffung des Geldes, Humanisierung der Arbeitswelt, Ausnutzung der technischen Mittel und wirtschaftliche Koordination nach dem Räteprinzip. Ganz bewusst haben wir uns bei diesem Kapitel etwas länger aufgehalten, denn ohne eine freie Organisation der Wirtschaft wird keine freie Gesellschaft möglich sein. Ebenso, wie ohne eine freie Gesellschaft keine freie Wirtschaft möglich sein kann: beide sind unlösbar miteinander verbunden.

Die Organisation
"Tatsache ist, dass es zwar tausende Studenten der Staatswissenschaften gibt, aber kaum jemand, der sich je mit einer Gesellschaft ohne Staat beschäftigt hat." (Colin Ward)

Es wird allgemein angenommen, Anarchie sei der klassische Begriff der Desorganisation. Nichts stimmt weniger. Wie wir schon am Anfang erwähnt haben, bedeutet für die anarchistischen TheoretikerInnen Anarchie keineswegs Unordnung, sondern sie ist Ausdruck höchster, weil natürlichster Ordnung. Sie entspricht den natürlichen sozialen Bedürfnissen aller Menschen am Besten und stellt voraussichtlich die einzige Organisationsform dar, die den enormen Anforderungen der gesamten Menschheit jetzt und in Zukunft gewachsen ist.

Erst durch die Befreiung von der staatlich gelenkten und gewollten Unordnung wird der Anarchismus zur Ordnung. Diese Ansicht wird nicht von allen Anarchisten geteilt. Viele wehren sich strikt gegen jede Art der Organisation. Ihnen wirft Errico Malatesta vor: "Unter dem Einfluss ihrer autoritären Erziehung glauben sie, dass die Autorität die Seele der sozialen Organisation sei und um jene zu bekämpfen haben sie diese abgelehnt. (...) Der Grundirrtum der Anarchisten, die Gegner aller Organisationen sind, ist die Annahme, Organisation sei ohne Autorität nicht möglich."

Wie sieht nun diese Organisation aus?
Hierzu müssen wir zwei Etappen unterscheiden: Die Vor-(Prä-)revolutionäre und die Nach-(Post-)revolutionäre. In der ersten geht es darum, die meist schwachen freiheitlichen Kräfte möglichst effektiv und nutzbringend einzusetzen, revolutionäre Propaganda zu betreiben, überall Zellen und Gruppen zu bilden und sich gleichzeitig gegen die wachsende Unterdrückung des Staates zu wehren. Dabei dürfen aber keine zentral-diktatorischen Strukturen auftreten, die auf der einen Seite das Instrument der Befreiung in ein Instrument der Unterdrückung verwandeln würden und in demselben Masse aus der Volksbewegung eine Parteibewegung machen würden.

Auch hier gilt also das Prinzip der Anwesenheit des Zieles in den Mitteln. (Das Ziel, Freiheit, muss auch Grundlage der Organisation sein.) Selbstverständlich kann eine revolutionäre Organisation, eine politische Zelle nicht in dem Masse frei sein, wie die Organisation der freien Gesellschaft. Vor allem dann, wenn die Organisation von der Polizei verfolgt wird.

Zur Zeit Bakunins war der Anarchismus vor allem in Geheimbünden organisiert. Diese waren untereinander durch ein System von Kurieren und geheimen Konferenzen verbunden und konnten so ihre Tätigkeiten abstimmen. Hierbei stellte die Verbindung zur Masse des unterdrückten Volkes ein besonderes Problem dar.

Zu Beginn diese Jahrhunderts bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs war die Organisationsform die des Anarchosyndikalismus. Diese Organisation hat es vermocht, beide Probleme zu lösen: Die Organisation der breiten Massen in ihrem Kampf um die Freiheit zusammen mit dem oft illegalen Kampf der aktiven RevolutionärInnen zu vereinigen. Diese anarchistischen Gewerkschaften, in ihren Zielen revolutionär, in ihrer Struktur von unten nach oben organisiert und in ihrer Organisation dezentral aufgebaut, haben es vermocht, Millionen von Menschen zu organisieren und einen erfolgreichen Kampf um ihre Interessen zu führen. Von bedeutender Wichtigkeit hierbei ist, dass die gewerkschaftliche Organisation mühelos den Schritt von einer prä- zu einer postrevolutionären Organisation tun kann. In ihrer Struktur finden sich die ersten Grundlagen für den Aufbau der freien Gesellschaft. In Spanien war die anarchosyndikalistische CNT (Confederation National del Trabajo = Nationale Föderation der Arbeit) die Grundlage auf die sich die Anarchisten nach der Revolution stützen konnten. Die Gewerkschaft kannte sich in den Betrieben gut aus und zählte (nach A. Souchys Angaben) zum Zeitpunkt der Revolution 1.600.000 Mitglieder, die zum größten Teil Industriearbeiter waren. So konnten sie die Industrieproduktion regeln. Die CNT hat einen jahrzehntelangen Kleinkrieg gegen den spanischen Staat geführt und zählte auf erfahrenen Kämpfer. So konnte sie gegen den Faschisten Franco schnell die sogenannten Milizen aufstellen.

Um die CNT hatten sich Ärzte, Ingenieure, Verwaltungsfachleute gesammelt - so konnten die öffentlichen Dienste, Planung und Verwaltung ebenfalls über die Gewerkschaften gelöst werden. Freilich in einem ganz anderem Sinne als vorher: die unnütze Bürokratie verschwand gänzlich, Ärzte, Ingenieure, und Facharbeiter waren, wie alle anderen Menschen, den normalen Arbeitern gleichgestellt, und, was sicher das wichtigste war, der ganze Apparat war für jeden durchschaubar und kontrollierbar; eine echte Organisation des werktätigen Volkes. So hat die innere Struktur der prärevolutionären Organisation es verhindert, dass die postrevolutionäre Organisation, in diesem Fall die CNT, zu einem neuen, autoritärem "Staat" wurde. Wir haben nur zwei Beispiele betrachtet, an denen man jedoch klar erkennen kann: Eine Organisation ist notwendig, wenn man tatsächlich für eine revolutionäre Veränderung eintritt, wenn man die Revolution mit den Massen des Volkes will und nicht als Karnevalsrevoluzzer auftritt.

Die Grundlage der postrevolutionären Gesellschaft ist die Organisation der freien Kommunen (auch Bünde genannt). Dies Kommunen sind jede für sich und alle wieder unter einander nach dem Räteprinzip organisiert. Was es mit diesen, als Schlagwort allgemein bekannten Begriff auf sich hat, wollen wir im nächsten Kapitel untersuchen.

Räte und Selbstverwaltung
"Verteilt die Macht, damit sie keinen mächtig macht."

Die Räte bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von den bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Hundertmal an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolutionäre Volk. Immer waren die Räte die spontane Antwort der unterdrückten Massen gegen ihre Unterdrücker; stets kam in ihnen ein völlig entgegengesetztes Konzept gesellschaftlicher Organisation zum Ausdruck als das herrschende. Wir finden sie in der französischen Revolution von 1789, in der Pariser Commune von 1871, in der russischen Revolution von 1905 und in der Oktoberrevolution sind sie ein fester Bestandteil des revolutionären Prozesses. 1921 finden wir sie in Kronstadt und 1936 entwickeln sie sich zum Träger der Revolution - auch 1956 im Ungarn, 1969 in Italien und 1971 in Polen tauchen sie wieder als Organe der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker auf. Es gibt unzählige Beispiele mehr.

Die Räte sind sowohl geographische als auch sachliche Organisationsformen. Sie können sich überschneiden, d.h. es gibt z.B. den Rat eines Dorfes, einer Stadt oder eines Landstrichs, je nach Größe und Einwohnerzahl. In diesem Gebiet organisieren sich Räte nach sachlichen Zusammenhängen, so z. B. am Arbeitsplatz, in der Fabrik, im Transportwesen, in den Krankenhäusern, Universitäten und Schulen, auf den Bauernhöfen, ja sogar in den Familien, Stadtteilen und Bezirken. Es kann auch andere sachliche Zusammenhänge geben, wie den Rat der Frauen, den der Alten, der Körper"behinderten", der VerbraucherInnen usw. Jeder Rat ist im Grunde nichts weiter als die Versammlung aller Menschen, die unter einen bestimmen Bereich fallen und an ihm teilnehmen möchten. Die Teilnahme und Mitarbeit ist freiwillig, demzufolge auch die Unterwerfung unter die Beschlüsse des Rates, sowie der Genuss der durch ihn erzielten Ergebnisse. Die Räte versammeln sich in bestimmten Abständen und vor allem immer dann, wenn wichtige Probleme zur Lösung anstehen. Damit sie arbeitsfähig bleiben, sollten die Räte klein gehalten werden. (Es wäre z. B. unsinnig, einen Rat von Wien oder Europa zu bilden.)

Jeder Rat ist grundsätzlich autonom (unabhängig). Zur Bewältigung bestimmter Probleme oder zur Bildung von Räten, die sich überregional organisieren müssen (z.B. Transportwesen, Post usw.) wählt der Rat sogenannte Delegierte. Grundsätzlich hat jedes Mitglied eines Rates das aktive und passive Wahlrecht, d.h. er/sie kann wählen und gewählt werden. Die Delegierten bilden dann wieder einen Rat, der sich nach denselben Prinzipien organisiert wie eben beschrieben. Hierbei ist immer gewährleistet, dass die, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung genießen, und sich mit dem Problem, um das es gerade geht, am besten auskennen gewählt werden. Im Gegensatz zum bürgerlichen Parlament kennt jedeR die Delegierten, die er/sie mir den Aufgaben betraut gut. Dies ist eine klare Organisation von Unten nach Oben. Die Aufstellung von Delegierten ist im Grunde eine rein technische Angelegenheit, denn 7 Millionen Österreicher können sich schlecht versammeln und noch weniger sich über irgendwelche Probleme unterhalten. Damit dies auch eine rein technische Angelegenheit bleibt und der/die Delegierte seine/ihre Position nicht missbraucht, wird er/sie immer nur für kurze Zeit gewählt: meist nur für die Zeit die nötig ist, diese oder jene Sache zu bewältigen. Die Delegierten werden aber auch deshalb von Zeit zu Zeit ausgewechselt, damit möglichst viele Menschen fähig werden, Dinge zu beurteilen und Probleme zu lösen.

Wenn einE DelegierteR gewählt ist, bekommt er/sie von seinem/ihrem Rat einen Auftrag. Man sagt ihm genau, was er/sie zu tun und was er/sie zu lassen hat. Dies ist die eigentliche Aufgabe des Rates, in ihm werden die anstehenden Probleme diskutiert; jedeR kann sich äußern, jedeR kann argumentieren und mensch versucht die für alle einleuchtendste Lösung zu finden. Wird eine Lösung vorgeschlagen, so können alle sicher sein, dass sie von einer ganzen Reihe von Leuten, die auf diesem Gebiet Erfahrung haben, gewissenhaft durchdiskutiert wird. Die Einzelheiten sind dann mehr oder weniger dem/der Delegierten überlassen. DieseR ist aber wieder den ursprünglichen Räten laufend Rechenschaft schuldig.

Weicht die Arbeit der Delegierten von den Beschlüssen des Rates ab, ohne dass es dafür vernünftige Gründe gibt, werden diese sofort abgesetzt und neue Delegierte, die das Vertrauen besser rechtfertigen, gewählt. Dieses Prinzip nennt man "imperatives Mandat". So entscheidet also in jedem Fall der unterste Rat und nicht der Delegiertenrat, was gemacht wird. Wie wir sehen, löst dieses System alle Mängel, die wir im Kapitel über die bürgerliche Demokratie und über den autoritären Sozialismus an allen gegenwärtigen Systemen festgestellt haben. Das Rätesystem, mehr als einmal erprobt, garantiert eine echte lebendige Volksdemokratie in allen Lebensbereichen. Es sorgt dafür, dass jedeR die gesellschaftliche Organisation gänzlich durchschauen, in sehr vielen Dingen mitreden kann und, dass sich keine Führungsschichten bilden können. Die gesellschaftliche Organisation, Produktion und Verteilung wird also rationell (ohne Umwege) und den Bedürfnissen des Volkes entsprechend organisiert. Eine bedeutende Bewegung der Selbstverwaltung (= System der Gesamtheit aller Räte) finden wir vor allem in Frankreich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts: die Genossenschaften.

Diese Zusammenschlüsse von ArbeiterInnen, die sich ohne Chefs und Ingenieure, nur auf ihre eigene Kraft und ihre eigenes Wissen gestützt, daran machten, ihre Fabriken zu leiten, ihren Warentausch zu organisieren und ihren Verkauf zu regeln, haben zwar eine schnelle Ausbreitung gefunden, doch lag ihrem Konzept eine grundlegender Fehler zugrunde. Proudhon, einer der Väter des Genossenschaftsgedankens, hatte versucht, sein revolutionäres Modell innerhalb einer noch funktionierenden kapitalistischen Ordnung zu verwirklichen. Mensch glaubte damals noch, dass mensch so das bestehende System überwinden könnte. Das war natürlich falsch, insofern, als es dem Staat ein Leichtes war, die Genossenschaften in den finanziellen Ruin zu treiben oder zu zerschlagen.

Wie allen Versuchen, den Kapitalismus auf friedlichem Wege abzuschaffen, erging es auch der Genossenschaftsbewegung: sie wurde schließlich "entschärft" und dient heute unter anderen Vorzeichen zur Erhaltung und Kräftigung des Staatssystems (Vgl. auch heute das Kibbuz-System in Israel). ArbeiterInnenselbstverwaltung finden wir in fast allen revolutionären Ereignissen, die spontan und von keiner Partei geführt, stattfanden. Auch heute können wir in einigen Ländern Erhebungen mit der Tendenz der Selbstverwaltung der Produzenten beobachten. (Vgl. z.B. die Anfangszeit der portugiesischen Revolution). Diese Diskussion innerhalb der anarchistischen und rätekommunistischen Bewegung ist unerhört wichtig, denn sie kann möglicherweise im anarchistischen Sinne sein.

Natürlich dürfen wir die Selbstverwaltung nicht mit der Mitbestimmung verwechseln. Diese, von reformistischen Bullet11 (31) Gewerkschaften geforderte Verwaltungsform bedeutet keinesfalls Demokratie, sondern nur ein kleines Zugeständnis an die ArbeiterInnen, die an der tatsächlichen Unterdrückung nichts ändert und in Wirklichkeit nur die ArbeiterInnenschaft beruhigen soll.

Parteien
"Parteien sind zum Schlafen da - und zum schrecklichen Erwachen!" (Zeitung "883")

Die Frage, ob mensch sich in Parteien organisieren oder in bestehende Parteien eintreten sollte, hat sich den AnarchistInnen schon sehr früh gestellt. Noch während der ersten Internationalen begann sich abzuzeichnen, dass sowohl die revolutionären MarxistInnen um Marx als auch die deutsche Sozialdemokratie um Lassalle Bullet11 (32) in Form von Parteien organisieren würden.

Diese "ArbeiterInnenparteien" waren zunächst kleine Gruppierungen in den verschiedenen Städten und Industriezentren eines Landes. Sie betrieben Propaganda unter der ArbeiterInnenschaft und traten für einen Kampf ein, der die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen verbessern sollte. Die Abschaffung der Kinderarbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit, freies Streikrecht und ähnliches stand auf ihrem Programm. Ihre Stärke wuchs rasch und mit dieser Stärke bildete sich fast automatisch ein großer Stamm an berufsmäßigen Parteiangestellten: Bürokraten, SchriftstellerInnen, RednerInnen usw. Diese Leute, die sogenannten FunktionärInnen, entstanden selbst meistens nicht der Arbeiterschaft. Der ganze Parteiapparat unterstand einer Zentrale, die die politische Richtung der Partei ausarbeitete und die Befehle an die einzelnen Ortsgruppen ausgab. Diese hatten meistens nichts weiter zu tun, als diese Befehle auszuführen, neue Mitglieder zu werben, und im übrigen pünktlich ihre Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Die Parteien gaben ihre eigenen Zeitungen heraus, unterhielten ihre Parteischulen und versuchten schon bald, in den verschiedenen Regierungen an Gewicht zu gewinnen und sich an der parlamentarischen Arbeit zu beteiligen.

Waren diese Parteien zu Beginn ihrer Entwicklung reine Zweckverbände der ArbeiterInnenbewegung, so war schon bald ihr wichtigstes Ziel die Wahlbeteiligung und die Erringung möglichst vieler Stimmen im Wahlkampf. Um im Parlament viele Sitze zu bekommen und stark zu werden, musste mensch viel paktieren, und so wich mensch sehr schnell ganz beträchtlich von den revolutionären Vorsätzen ab. Es wird nicht verwundern, dass die AnarchistInnen diese Organisationsform ablehnten. Sie kritisierten an ihr vier wichtige Punkte:
  • Die Richtung der Partei war nicht die soziale Revolution, also der Umsturz der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse, sondern die Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb dieser Gesellschaft. Dies, so argumentierten die AnarchistInnen, sei ein mühevoller unnötiger Umweg, der nur vom eigentlichen Ziel ablenke. Tatsächlich hat sich zum Beispiel die deutsche sozialdemokratische Partei gute 30 Jahre für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts herumgeschlagen, von dessen Verwirklichung sie sich offenbar die Revolution oder noch größere Wunder versprachen. Als es dann durchgesetzt war, brachte es nicht die geringste Änderung an der Situation der Arbeiter.

  • Die Organisation der Partei war zentral, autoritär und vom Staat leicht zerschlagbar. Man hätte nur das Zentralbüro verhaften müssen, und die Partei stände ohne Kopf da. Deshalb ist die Partei weder in ihren Aktionen beweglich, noch kann sie sich von tatsächlichen Bedürfnissen an ihrer Basis leiten lassen, da die autoritäre Struktur von unten nach oben nur sehr schwer zu durchdringen ist. (Für den/die einfachen ArbeiterIn war es nämlich fast unmöglich, Einfluss auf die Politik "seiner" Partei zu nehmen.)

  • Die zentrale Organisation bringt weiterhin die Gefahr mit sich, dass sich eine riesige Schicht von bezahlten FunktionärInnen bildet, die der Arbeiterbewegung nicht nur auf der Tasche liegt, sondern sie auch noch beherrschen möchte. Mit der Zeit bildet sich eine völlig neue kleine Klasse - eine Kaste - die mehr an ihre eigenen Vorteile und ihre Karriere als an den Kampf der ArbeiterInnen denkt.

  • Daraus ergibt sich, dass die Partei im Falle einer Revolution notwendigerweise hinter den revolutionären Massen zurückbleiben muss. Wie ein zu klein gewordenes Hemd wird sie der Revolution nicht dienen, sondern sie lediglich einengen. Sie wird die Revolution nicht vorbereiten, sie nicht beginnen, sie nicht führen - sie wird ihr hinderlich sein und meistens nur daran denken, ihre Funktion, d.h. ihren Anspruch auf eine Führung, aufrechtzuerhalten. Im Übrigen haben wir bereits gesehen, dass das Wahlsystem ein simpler Betrug ist. Ein gefährlicher Selbstbetrug ist es aber, zu glauben, durch die Teilnahme an diesem Betrug das System abschaffen zu können.

War diese Kritik berechtigt?
Was die Sozialdemokratie betrifft, so können wir ein ungeheures Anwachsen des bürokratischen Apparates feststellen. In ihren Reihen waren um die Jahrhundertwende Millionen von ArbeiterInnen organisiert. 1912 war sie schon die stärkste Fraktion im deutschen Reichstag. Und was tat sie? Hat sie die soziale Revolution begonnen? Sie saß seelenruhig auf ihren Parlamentsbänken, hielt geschliffene Reden mit den bürgerlichen Politikern und trat noch immer für Lohnerhöhungen, bessere Wohnungen und dergleichen ein. Als Kaiser Franz-Josef den 1. Weltkrieg anzettelte, stimmten die Sozialdemokraten zu und sorgten dafür, dass die ArbeiterInnenschaft in den Krieg zog.

Als sie nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie mehr aus Versehen und ohne es eigentlich gewollt zu haben, an die Macht kam, hatte sie ihre revolutionären Ziele längst aus dem Gedächtnis verloren. So wehrte sie sich mit allen Mitteln gegen die Einführung einer allgemeinen Räterepublik und verteidigte zäh die bürgerliche Ordnung. Gegen dieselben ArbeiterInnen, deren Interessen sie einst vertreten sollte, setzte die Partei Polizei und Militär ein. Bullet11 (33) Bis vor kurzem war die selbe SPÖ an der Macht. Wenn mensch es nicht überall lesen würde, mensch könnte es gar nicht merken: von Sozialismus keine Spur! Also: eines der ekelhaftesten Beispiele einer degenerierten ArbeiterInnenpartei. Auch für die andere Warnung der AnarchistInnen hat es eine bittere geschichtliche Bestätigung gegeben: die Partei der Bolschewiki. Bullet11 (34)

Diese Partei, eine Abspaltung der russischen Sozialdemokratie, hatte zwar den Reformismus ihrer Mutterpartei kritisiert, aber die Organisationsform der Partei beibehalten. Sie erhob sich selber zur "Avantgarde des Proletariats" und war straff und autoritär organisiert. Ihr Ziel war es, unter ihrer Führung einen Aufstand zu beginnen, die Macht im Staat zu übernehmen und einen Sozialismus nach Marx'schem Muster einführen. Bullet11 (35) Von dem revolutionären Bewusstsein der ArbeiterInnen hielt die Partei nicht allzu viel. Ihr Führer, Wladimir Iljitsch Lenin, schreibt in seinem Buch "Was tun?", dass der/die ArbeiterIn lediglich "trade-unionistisches" Bewusstsein Bullet11 (36) entwickeln könne, und dass für den politischen Kampf eine Avantgarde vorhanden sein müsse. Damit meinte er selbstverständlich seine eigene Partei.

Als die Revolution im Februar 1917 in Russland begann, war diese Partei davon sehr überrascht. Sie hatte die ganze Bewegung verschlafen. Zunächst zog sie mit und kämpfte unter den gleichen Parolen "alle Macht den Räten" an der Seite der AnarchistInnen und Sozialrevolutionäre mit dem Volk für die Revolution. Das war nur ein taktischer Zug, die Bolschewiki warteten nur solange, bis sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten und wieder stark genug geworden waren. Dann zerschlugen sie erst einmal mittels ihres starken Apparates die anarchistischen und sozialrevolutionären Organisationen und machten dann Schritt für Schritt die Revolution wieder rückgängig. Die Räte wurden entmachtet, Polizei und Armee wieder aufgebaut, die Bürokratie hielt überall großen Einzug und eine neue Kaste reicher Funktionäre nistete sich in der Regierung ein. Die letzten Erhebungen gegen die Parteidiktatur wurden blutig niedergeschlagen Bullet11 (37), und nach knapp 20 Jahren unterlag ganz Russland der Diktatur eines einzelnen Mannes: Josef Stalins, der seinen Weg zur Macht mir den Leichen zehntausender seiner Parteigenossen gepflastert hatte. Von Sozialismus keine Spur, von Freiheit erst recht nicht. Auch heute noch lehnen die AnarchistInnen eine Parteiarbeit ab. Sie lenkt vom eigentlichen Ziel ab und ist nicht in der Lage, im Fall einer Revolution mir den revolutionären Massen Schritt zu halten. Sie ist ein Hemmschuh der Revolution. Dem Parteimodell setzen die AnarchistInnen eine Organisation revolutionärer ArbeiterInnen entgegen, die vom täglichen Kampf in den Betrieben kommt. Diese "Betriebskomitees" organisieren sich nach dem Räteprinzip und kämpfen für revolutionäre Ziele. Politische Tagesforderungen setzen sie spontan mit dem Mittel der direkten Aktion durch.

Probleme der Avantgarde
"Revolutionäre haben die Verpflichtung, anderen zu helfen, ebenfalls Revolutionäre zu werden, aber nicht die Verpflichtung, Revolution zu 'machen'. Und solche Aktivität ist nur möglich, wenn der Revolutionär oder die Revolutionärin zuerst bei sich selbst mit der Veränderung anfangen." (Murray Bookchin)

Ein System von Betriebskomitees und Räten, ja selbst eine starke anarchosyndikalistische Bewegung reicht aber nicht aus, um eine Revolution effektiv vorzubereiten und durchzuführen: Es müssen Leute vorhanden sein, die sich in bestimmten Gebieten auskennen, die sich auf die Vorbereitung der Revolution konzentrieren, die Unternehmungen planen und durchführen können, ohne dabei auf ihre Arbeit oder ähnliche Verpflichtungen Rücksicht nehmen zu müssen. Vor allem in den Aufständen vor (und z.T. auch während) der spanischen Revolution sah mensch, dass dezentrale Räte in der vorrevolutionären Phase nicht die nötige Schlagkraft besaßen. Diese bittere Erfahrung haben die spanischen AnarchosyndikalistInnen machen müssen. Sie begannen wiederholt bewaffnete Aufstände gegen die Regierung, die nach anfänglichem Erfolg wegen der schlechten überregionalen Organisation blutig zerschlagen wurden (hier soll kein Zentralismus propagiert werden, aber es hat sich gezeigt, dass es notwendig ist, dass die revolutionären Aktivitäten der Räte aufeinander abgestimmt werden müssen, damit die Räte nicht zersplittert agieren und ihre Kräfte verzetteln). Je nachdem, wie stark der Terror des Staates ist, arbeitet die Avantgarde einer Revolution mehr oder weniger stark konspirativ (geheim). Konspiration bedeutet für die Anarchisten allerdings nicht, als selbsternannte Chefs der proletarischen Massen, diese zu putschistischen Abenteuern anzustiften. Bakunin nannte die konspirativen Organisationen, die er selbst mitbegründete, die "GeburtshelferInnen" der Revolution. Natürlich ist die Avantgarde nicht mit der Masse der RevolutionärInnen zu verwechseln, der revolutionären Armee, die aus dem Volke selbst kommt. "Die Armee muss immer das Volk sein", nie kann und darf es diese Aufgabe an eine intellektuelle Minderheit abgeben. Diese Individuen müssen im revolutionären Kollektiv "aufgelöst" sein, dürfen also keine Autoritäten bilden. In "Staatlichkeit und Anarchie" beschreibt Bakunin eingehender die Rolle solcher Kader: "Diesen Schichten (gemeint sind: den ProletarierInnen) schließen sich aus der bürgerlichen Welt nur einige Individuen an, die der Klassen, der sie entstammen, den Rücken gekehrt und sich völlig den Interessen des Volkes angenommen haben, weil sie die gegenwärtige Ordnung, sei es nun die politische, soziale oder ökonomische, von ganzem Herzen hassen." Bakunin